Online Lager

Trotzdem zelten - Pfadfinderinnen starten erstes Online-Zeltlager

Kleine Zeitreise in den Herbst 2019: Die Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) Augsburg plant bei der jährlichen Diözesanversammlung das Programm für das kommende Jahr. Da der erste Mai auf einen Freitag fällt, soll über das verlängerte Wochenende ein gemeinsames Mai-Lager stattfinden. Das Motto soll lauten: „Maila – Entdecke die Heldin in dir!“ Geplant sind außergewöhnliche Workshops, bei denen die Mädchen und jungen Frauen viel Neues ausprobieren können und verborgene Talente entdecken können. Auch der Austausch mit den Freundinnen aus der ganzen Diözese soll im Mittelpunkt stehen.

Die Planungen liefen an und wurden immer konkreter und dann das … Lock-Down, Social-Distancing, Kontaktbeschränkungen: wirbleibenzuhause. Der sozialen Verantwortung waren sich alle bewusst und die Diözesanleitung war gezwungen, das mit so viel Vorfreude erwartete Zeltlager abzusagen. Dabei waren sich alle einig: Gerade in diesen Zeiten, in denen die Mädchen sich nicht wie sonst in der Schule sehen oder sich am Nachmittag treffen können, ist die Gemeinschaft der Pfadfinderinnen wichtig. Robert Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinder, sagte vor über hundert Jahren: „Eine Schwierigkeit hört auf, eine solche zu sein, sobald ihr darüber lächelt und sie in Angriff nehmt.“ Das nahm sich der Diözesanvorstand zu Herzen und die Planung startete auf ein Neues. In unzähligen Telefonaten, Mails und Telefonkonferenzen wurde gemeinsam mit dem Büro-Team überlegt, wie ein digitales Zeltlager aussehen könnte. Online-Dienste wurden ausprobiert und miteinander verglichen. Diözesanweite Leiterinnenrunden wurden einberufen und spätestens nach einem kleinen Testlauf mit Online-Gruppenstunden am Ostermontag stand fest: Wenn nicht wir, wer dann? - Wir schaffen das!

Auf einer Art digitalen Pinnbrett, einem Padlet, wurden Ideen gesammelt. Leiterinnen aus der ganzen Diözese boten sich an, je nach ihren Fähigkeiten  und technischen Erfahrungen Workshops zu organisieren. Die Vielfalt war enorm. Von „Waffeln backen“ über Yoga bis hin zu diversen Bastelangeboten oder virtuellen Museumsbesuchen war alles dabei. Auch klassische Gruppenstundenspiele, wie Schnitzeljagd oder Werwolf, wurden an die besonderen Umstände angepasst und angeboten. Auch an die Morgenrunden wurde gedacht und für jeden Tag ein spiritueller Impuls als Audiodatei aufgenommen. Bei all der Vorfreude blieb aber im Hinterkopf immer noch ein seltsames Gefühl: „Wird das Angebot überhaupt angenommen? Was ist, wenn gar niemand mitmacht? Oder wenn viel zu viele da sind?“ Da es keine Anmeldung gab und die Einladungen nur über E-Mail, Messenger und das Internet verbreitet wurden, durchaus berechtigte Befürchtungen.

Die Zeit verging und es war Donnerstagabend. Statt wie sonst gemeinsam trafen sich alle zum Lagerauftakt zuhause vor dem Computer. Schon kurz vor dem offiziellen Startschuss konnte erleichtert durchgeatmet werden: Ja, wir sind viele, wir zelten trotzdem! Dann begann alles fast wie immer, aber trotzdem etwas anders. Die Zelte wurden in der Wohnung aufgebaut oder die Isomatte unter Konstruktionen aus Decken und Tüchern ausgerollt. Zusammen tanzten alle zum Lagersong „Power in Me“. Nach einer ersten Nacht im Schlafsack starteten am Freitagvormittag die verschiedenen Workshops. Aus dem vielfältigen Angebot konnte jede aussuchen, was sie wollte. Die jüngeren Pfadfinderinnen bastelten Windlichter aus Marmeladengläsern oder Nisthilfen für Insekten aus Dosen. Die älteren Pfadfinderinnen diskutierten in Konferenzen über Themen wie Inklusion oder lernten starke Frauen aus der Geschichte und der Gegenwart kennen. Sie schwitzten beim Fitness-Workout über Livestream oder zeigten ihr Geschick beim Klopapierrollen-Stapeln. Am Abend gab es Singerunden am virtuellen Lagerfeuer, bei dem das Stockbrot nicht fehlen durfte. Das kam zwar aus dem Backofen und wurde statt um einen Stock um einen Holzlöffel gewickelt, aber das tat dem Geschmack keinen Abbruch.

An der Pinnwand im Internet erschienen immer neue Bilder von bunten Woll-Federn oder Kissen und Geldbeuteln, die beim Upcycling entstanden waren. Alle zeigten, was sie zuhause beim gemeinsamen Mai-Lager erlebten. So entstand trotz der räumlichen Distanz ein Gefühl der Gemeinschaft. Bei den Videokonferenzen traf frau immer häufiger auf bekannte Gesichter. Das alles kam zwar nicht an ein echtes Zeltlager heran, aber es war ein kleiner Ersatz, gerade in der aktuellen Situation. In den Kommentaren wurde die Dankbarkeit für die willkommene Abwechslung zu dem doch recht eintönigen Alltag aus Schule-daheim und Kontaktbeschränkungen deutlich. Viel zu schnell vergingen die Tage. Am Sonntagabend trafen sich zum Abschluss noch einmal alle zu einem gemeinsamen Abschlussimpuls. Anhand der Geschichte der Frauen am Grab Jesu ging es darum, dass letztendlich das Leben und die Liebe siegt. Ein sehr passender Gedanke in der aktuellen Situation.

Damit endete das erste Online-Zeltlager der Pfadfinderinnen. Leider werden auch in den kommenden Wochen Gruppenstunden und andere Treffen der PSG nicht stattfinden können. Aber schon während des digitalen Zeltlager begannen die Planungen für eine Fortsetzung der Aktion. Denn schon der Gründer gab den Pfadfinderinnen und Pfadfindern in seinem Abschiedsbrief den Auftrag: Versucht die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als ihr sie vorgefunden habt.